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„Studierende aus bildungsfernen Schichten brauchen Vorbilder“

22.11.2016

Mathias Winde, Programmleiter für den Bereich Hochschulpolitik und Organisation des Stifterverbandes, im Interview zum Thema "Chancengerechte Bildung".

Der Stifterverband fördert seit knapp 100 Jahren die Wissenschaft in Deutschland. Zentrales Anliegen ist es, die Rahmenbedingungen für Wissenschaft, Bildung und Innovationen zu verbessern. Das Thema „Chancengerechtigkeit“ spielt dabei eine wesentliche Rolle und wird seit 2012 durch zahlreiche Bildungsinitiativen vorangetrieben. Mathias Winde, Programmleiter für den Bereich Hochschulpolitik und Organisation, berichtet vom Engagement des Stifterverbandes und die Fortschritte der unterschiedlichen Programme. Er ist überzeugt: Für Schulen und Hochschulen gibt es noch viel zu tun, um gerechte Bildungschancen für alle zu schaffen. Dabei komme es auch auf positive Rollenvorbilder an. 

Herr Winde, seit 2012 gibt es die vom Stifterverband ins Leben gerufene Bildungsinitiative, zu der zahlreiche Programme und Projekte zählen. Welche Ziele verfolgen Sie?

Mathias Winde: Unser zentrales Anliegen ist es, Bildungschancen von Herkunft und Hintergrund zu entkoppeln. Die Vielfalt der deutschen Gesamtbevölkerung soll sich auch in der Studierendenschaft widerspiegeln und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gleiche Chancen auf höhere Bildung ermöglichen – und zwar unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund.

Bis 2020 möchte der Stifterverband die Zahl der Studierenden aus Nichtakademikerfamilien und mit Migrationshintergrund auf 80 Prozent anheben. Welche Bilanz ziehen Sie bislang?

Winde: Wir sind in Deutschland leider noch nicht besonders gut darin, Kinder aus Nichtakademikerfamilien an die Hochschulen zu bringen. Zudem sind die Erfolgsquoten im Studium bei ihnen deutlich niedriger. In Zahlen bedeutet das: In bildungsfernen Schichten liegt die Studierquote bei 66 Prozent. Damit sind diejenigen gemeint, die nach Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung auch tatsächlich ein Studium aufnehmen. Im Vergleich dazu sind es bei Akademikerkindern 80 Prozent, die eine Hochschule besuchen. Bei Studierenden mit Migrationshintergrund sind wir schon etwas besser aufgestellt. Da sind es bei Kindern aus Nichtakademikerfamilien 76 Prozent, die studieren. Doch viele von ihnen brechen das Studium ab – nur etwas mehr als die Hälfte schafft den Abschluss. Insofern gibt es noch eine Menge Luft nach oben.

Diesjähriges Thema zum „Tag der Bildung“ ist „Vielfalt“. Wie fließt dieser Aspekt in die Förderprogramme ein?

Winde: Bei unseren Bildungsinitiativen besitzt das Thema zentrale Bedeutung. Es betrifft nicht nur die Maßnahmen für die bereits angesprochenen Gruppen der Nichtakademikerkinder oder Kinder mit Migrationshintergrund. Vielfalt bedeutet für uns auch die Förderung von Frauen in MINT-Studiengängen, wie etwa Ingenieurwissenschaften oder Elektrotechnik. Darüber hinaus unterstützen wir ausländische Studierende und verstärken Anreize für Männer, einen Lehramtsberuf zu ergreifen. Wir haben dazu eine Vielzahl an Angeboten und Programmen aufgelegt, um den unterschiedlichen Zielgruppen gerecht zu werden. Dabei verfolgen wir zwei Ansätze: die Rahmenbedingungen an den Hochschulen zu verbessern und gleichzeitig bei den Personen direkt anzusetzen, indem sie über passgenaue Förderangebote durch ihre Schule oder Hochschule informiert werden. 

Vielfalt bedeutet für uns auch die Förderung von Frauen in MINT-Studiengängen, wie etwa Ingenieurwissenschaften oder Elektrotechnik. Darüber hinaus unterstützen wir ausländische Studierende und verstärken Anreize für Männer, einen Lehramtsberuf zu ergreifen.

Mathias Winde, Stifterverband
Mathias Winde, Stifterverband

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Winde: Ein Projekt sind die „Studienpioniere“. Es richtet sich an Schülerinnen und Schüler die als erste in ihren Familien ein Studium aufnehmen. Wir unterstützen die Hochschulen in der Ansprache der Zielgruppe, etwa in Form von Mentoring, bei dem ältere Studierende Schülern helfen, sich zurechtzufinden. Es geht bei dem Projekt aber auch darum, die Betreuungszufriedenheit der Schüler zu erhöhen, indem Lehrkräfte für unterschiedliche Startvoraussetzungen von Studierenden sensibilisiert werden. Unser Angebot an die Studienpioniere selbst erfolgt in Form von Deutschlandstipendien, für die man sich bei seiner Hochschule bewerben kann. Dabei zählt nicht nur die Leistung, sondern auch der familiäre Hintergrund oder soziales Engagement. Darüber hinaus bieten wir Programme an wie die „Innovative Studieneingangsphase“, das Schülern einen fließenden Übergang ins Studium ermöglichen soll. Bei Informationsveranstaltungen wie Schnuppertagen an der Uni bekommen sie erste Einblicke in die Hochschule und ihr Angebot. Sie knüpfen erste Kontakte zu Studierenden und finden dadurch eben auch Rollenvorbilder.

Wie wichtig sind Vorbilder für den Studienerfolg?

Winde: Enorm wichtig. Studierende aus bildungsfernen Schichten brauchen Vorbilder, die den gleichen Weg wie sie zurückgelegt haben. Gerade für Nichtakademikerkinder oder Kinder mit Migrationshintergrund sind diese ersten Kontakte mit Studierenden für den späteren Erfolg entscheidend, da sie nicht auf Erfahrungswerte in der eigenen Familie zurückgreifen können. Die älteren Studierenden kennen die Situation der Abiturienten oder Erstsemester und können viele Fragen beantworten. Darüber hinaus besitzen solche Begegnungen hohe Motivationskraft. Wenn etwa junge weibliche Studierende sehen, dass es Professorinnen an den Hochschulen gibt oder weibliche Vorbilder in MINT-Fächern, bedeutet das für sie selbst: „Ich kann es auch schaffen.“ Mit einer VorbilderAkademie, einem Projekt unserer Tochtergesellschaft Bildung & Begabung, unterstützen wir Jugendliche mit Migrationshintergrund, individuelle Bildungswege zu entdecken und herauszufinden, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen.

Wo liegt der Fokus Ihrer Bildungsarbeit im kommenden Jahr?

Winde: Wir haben seit kurzem das Programm „Integration durch Bildung“ ins Leben gerufen, das sich speziell an Geflüchtete richtet. Darauf wird 2017 ein großer Schwerpunkt unserer Arbeit liegen, da die Integration von Flüchtlingen aktuell zu den drängendsten Aufgaben unserer Gesellschaft zählt. Unser Ziel ist es dabei, die Hochschulen zu befähigen, die steigende Zahl von Flüchtlingen, die ein Studium in Deutschland aufnehmen möchten, besser bewältigen zu können. So gibt es etwa Stipendien, die die Aufnahme eines Studiums bereits während des laufenden Asylverfahrens ermöglichen. Darüber hinaus sollen Hochschulen und Studierende dabei unterstützt werden, sich beim Thema Spracherwerb für Flüchtlinge noch stärker zu engagieren. Mit unserem Programm „Study & Work“ helfen wir schon jetzt ausländischen Studierenden auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen: Viele Absolventen wissen oftmals gar nicht, was sie benötigen, um sich erfolgreich bewerben zu können. Unser Informationsangebot, das wir weiter ausbauen wollen, zeigt ihnen, wo und wie sie sich bewerben können und welche Netzwerke es gibt. Denn wir glauben daran, dass gerade in der Vielfalt ein riesiges Potenzial liegt, mit dem wir unserem Ziel einer chancengerechten Bildung einen großen Schritt näher kommen.

Interview: Melanie Heym

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