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„Wir müssen die Lehrer beim digitalen Wandel unterstützen“

15.11.2016

Christian Hahn, Programmleiter und Datenschutzbeauftragter der DKJS, im Interview zum Thema "digitale Bildung".

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterstützt mit ihren Angeboten die digitale Bildung von Kindern und Jugendlichen. Das Bildungsministerium will diese in den kommenden fünf Jahren nun durch einen fünf Milliarden schweren "Digitalpakt" fördern. Das Geld soll investiert werden, um Breitbandanschlüsse auszubauen und Geräte anzuschaffen. Christian Hahn, Programmleiter und Datenschutzbeauftragter der DKJS, findet, dass neben der digitalen Ausstattung der Klassenzimmer die Weiterbildung der Lehrkräfte eine entscheidene Rolle spielt. 

Herr Hahn, wie steht die DKJS zum „Digitalpakt“ des Bildungsministeriums?

Christian Hahn: Das Thema „digitale Bildung“ ist so groß, dass es von verschiedenen Akteuren angepackt werden muss. Deshalb passt die Initiative in die Zeit und ist dringend nötig. Dabei geht es um die Ausstattung der Schulen mit Infrastruktur, die Anpassung der Lehrpläne und die Entwicklung von Digitalisierungsstrategien der Länder. All diese Aktivitäten begrüßen wir. Aber entscheidend ist, dass es in den Schulen tatsächlich auch zur Umsetzung kommt.

Das heißt, neben der Ausstattung der Klassenzimmer kommt es auch auf die Kompetenz der Lehrkräfte an?

Hahn: Genau. Natürlich ist die Infrastruktur die Grundlage. Aber was hilft die beste Ausstattung, wenn die Lehrkräfte nicht mir ihr arbeiten wollen oder können? Uns beschäftigt daher die Frage: Wie unterstützen wir die Pädagogen dabei, ihre Unterrichtskonzepte entsprechend anzupassen? Wie die ICILS-Studie [1] gezeigt hat, besteht derzeit die Gefahr, dass rund 30 Prozent der deutschen Schüler von gesellschaftlicher Teilhabe abgehängt werden, weil ihre digitalen Kompetenzen nicht für das Erwerbsleben ausreichen. Wir reden hier nicht von der Bedienung eines Tablets, sondern davon, dass die Schüler die digitalen Technologien und Medien kompetent beherrschen, einsetzen können und so in der Lage sind, sich Informationen zu beschaffen, diese einzuordnen und selbst Inhalte zu gestalten.

1) Die internationale Vergleichsstudie "International Computer and Information Literacy Study" (ICILS) aus dem Jahr 2014 testete Kinder auf computer- und informationsbezogene Kompetenzen. Im Ranking landeten die deutschen Schüler auf dem 12. von 23 Rängen.

Wie kommt es zu dieser alarmierend hohen Zahl?

Hahn: Im Vergleich zu anderen Ländern kommen digitale Medien in Deutschland im Unterricht noch viel zu selten vor. Auch das hat die Studie gezeigt. Hier wird ein PC – wenn er denn benutzt wird – vielleicht mal zu Recherchezwecken verwendet. Und dann wird vorausgesetzt, dass die Jugendlichen wissen, wie sie damit umgehen sollen. Dieses Wissen bringen aber viele Schüler, auch wenn sie als „Digital Natives“ gelten, nicht mit. Diese Lücke muss geschlossen werden. Viele Pädagogen sind auf der Suche nach geeigneten Materialien und Methoden, die ihnen helfen, die digitalen Medien im Unterricht sinnvoll einzusetzen – und zwar über Fächergrenzen hinweg.  

Welche Rolle spielt die DKJS in dieser Hinsicht?

Hahn: Wir als Stiftung haben ein sehr wirkungsvolles Instrument etabliert, mit dem wir direkt an der Basis ansetzen und die Schulentwicklung unterstützen. Gemeint sind unsere „Schulischen Entwicklungsnetzwerke“. Darin vernetzen sich Schulteams aus ganz Deutschland, um sich zu verschiedenen Themen auszutauschen und neue Unterrichtskonzepte oder Projektideen für ihre Schule zu erarbeiten. In diesem Rahmen wurden schon viele Erfolgsrezepte entwickelt.

 

Trotzdem tue ich mich mit Blick auf die digitale Bildung damit schwer, die Kinder und Jugendlichen von heute mit dem Begriff „Digital Natives“ gleichzusetzen. Native heißt angeboren. Das sind digitale Kompetenzen aber nicht.

Christian Hahn, DKJS
Christian Hahn, DKJS

Mal in die Zukunft gedacht: Kann sich die DKJS auch Projekte vorstellen, in denen die Jugendlichen, also die Digital Natives, die Lehrer fortbilden?

Hahn: Mit Projekten wie diesen haben wir gute Erfahrungen gemacht. Das bringt sowohl den Schülerinnen und Schülern als auch den Pädagoginnen und Pädagogen sehr viel. Trotzdem tue ich mich mit Blick auf die digitale Bildung damit schwer, die Kinder und Jugendlichen von heute mit dem Begriff „Digital Natives“ gleichzusetzen.

Warum?

Hahn: Native heißt angeboren. Das sind digitale Kompetenzen aber nicht. Sie müssen erlernt werden. Wenn wir also über Chancengerechtigkeit reden, sollten wir unbedingt darauf achten, jeden einzelnen Jugendlichen in den Fokus zu stellen und sie nicht als homogene Gruppe zu betrachten – auch wenn sie im Durchschnitt im Bereich der digitalen Medien vielleicht kompetenter sind als die älteren Generationen. Es ist wie immer: Manche Kinder lernen Schreiben und Rechnen auch Zuhause, andere nicht.

Und mit den digitalen Kompetenzen ist es ähnlich?

Hahn: Ja. Denn es reicht eben nicht, wenn ich meinem Kind Zuhause beibringe, wie es ein Smartphone bedient. Es muss verstehen, wie es sich sicher im Netz bewegt, wie es die dort angebotenen Inhalte für sich nutzbar machen und sie auch selbst gestalten kann. Dieses Vorwissen bringt aber nicht jedes Kind mit in den Unterricht. Deswegen ist es auch hier die Aufgabe der Schulen, dass die notwendigen Kompetenzen am Ende bei allen Jugendlichen ankommen. Da ist noch viel zu tun, damit alle Schulen das können. Politik und Zivilgesellschaft sind also gleichermaßen gefragt, den Schulen und Lehrkräften die nötige Unterstützung zu bieten. Wir dürfen dieses Problem auf keinen Fall bei den Jugendlichen abladen.

Zur Person

Christian Hahn koordiniert die Programmarbeit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im Feld „Digitale Bildung“. Außerdem ist er ihr betrieblicher Datenschutzbeauftragter.