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DKJS/S. Kaya

Bildung als Gemeinschaftsaufgabe verstehen

06.11.2017

Wenn einige engagierte Personen zusammenkommen, können sie viel bewegen. Und manchmal motivieren sie sogar einen ganzen Ort zum Mitmachen. Das zeigt das Beispiel des Bildungsnetzwerks in Tarp.

In Tarp möchte die Gemeinde möchte jedem Kind die bestmögliche Förderung bieten – unabhängig von Herkunft und sozialem Status. Dabei wird sie von „Qualität vor Ort“, dem gemeinsamen Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, der Jacobs Foundation und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt.

„Wie heißt es so schön: Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Und genau das leben wir hier“, sagt Judith Detlefsen, die seit zwei Jahren als Koordinatorin des Bildungscampus Tarp arbeitet. Die Gemeinde in Schleswig-Holstein hatte noch bis in die 1960er Jahre keine tausend Einwohner. Dann entstand hier ein militärischer Flugplatz, Soldaten und ihre Familien kamen und der kleine Ort erlebte eine Bevölkerungsexplosion. Obwohl der Bundeswehrstandort inzwischen aufgegeben wurde, sind die Familien noch da. Heute wohnen etwa 5.600 Menschen in Tarp – und es werden immer mehr. Tarp zieht Familien an und diese haben meist mehr Kinder als im deutschen Durchschnitt üblich. „Ich beobachte, dass sich viele Familien hier noch für ein drittes Kind entscheiden“, sagt Peter Hopfstock, der Bürgermeister der Gemeinde.

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Was macht Tarp so attraktiv für Familien? Tarp liegt verkehrsgünstig: 15 Autominuten bis Flensburg, 15 Autominuten nach Schleswig, Neumünster und Kiel sind nicht weit und es gibt einen Bahnhof mit einer stündlichen Verbindung nach Hamburg. Außerdem ist der weltgrößte Hersteller für Haustierbedarf, TRIXIE Heimtierbedarf, hier ansässig und beschäftigt etwa 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein weiterer entscheidender Mehrwert für Familien stellt der Ende 2011 gegründete Bildungscampus Tarp dar, der Angebote für jede Altersgruppe bereithält. Mitglieder sind zum Beispiel die Familienbildungsstätte, die Volkshochschule, die Gemeindebücherei und die Schulen. Besonders stark vertreten sind aber die Angebote für die Kleinsten: Sechs Kindergärten, teilweise mit Krippengruppen, arbeiten im Bildungscampus mit.

„Wir mussten etwas für die Bildungslandschaft in unserer kleinen Stadt tun und uns gegenüber den größeren Städten Flensburg und Schleswig positionieren – durch Kooperation und Vernetzung“, erzählt Jürgen Cordes, der Initiator des Bildungscampus. „Durch die Zusammenarbeit der Bildungseinrichtungen erreichen wir letztlich eine höhere Besucher- und Nutzerzahl.“ Auch Probleme könnten so gemeinsam angegangen werden. Tarp hat sich beispielsweise vorgenommen, etwas gegen Übergewicht bei Kindern zu tun. Mit diesen Intentionen gründete sich der Bildungscampus als Verein, BiCa Tarp e. V.

Mit nur einer Einrichtung können solche Ziele nicht erreicht werden. Wenn sich aber etwa die Bücherei, die Volkshochschule und alle Kindergärten in Tarp zusammentun, erzielen wir einen viel größeren Effekt.

Jürgen Cordes

Initiator des Bildungscampus

Kooperation wird großgeschrieben

Bei einem Rundgang über den Bildungscampus entsteht der Eindruck, hier kooperiere jeder mit jedem: Es gibt einen direkten Durchgang von der Mensa der Gemeinschaftsschule zum Jugendfreizeitheim FRITZ. Das große Außengelände mit Soccer-Arena, Beachvolleyball-Feld und zwei Bolzplätzen wird von Schule, offenem Ganztag und Sportverein genutzt. Die Ganztagsschule hat eine Sportlehrerin eingestellt, die in der Mittagsfreizeit in der angrenzenden Sporthalle für Spiel, Spaß und Bewegung sorgt. Das erzählt beim Rundgang Gerd Bohrmann-Erichsen, der als Koordinator der offenen Ganztagsschule Tarp eine wichtige Funktion im Bildungscampus innehat.

 

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Die Bücherei bildet Lesepaten aus, die ehrenamtlich in Schulen gehen und dort mit einzelnen oder wenigen Kindern arbeiten: Sie lesen entweder vor, lesen gemeinsam mit den Kindern oder lassen sich von den Kindern vorlesen. Einige der Paten betreuen auch Schüler in den DAZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) und vermitteln Flüchtlingskindern die deutsche Sprache. Die Vorschulkinder aus allen fünf deutschsprachigen Kindergärten im Dorf besuchen regelmäßig die Grundschule und lernen so schon ihre neue Lernumgebung kennen. Das „Spielmobil“ (zwei pädagogische Fachkräfte und ein Bollerwagen voll mit Spielzeug und Ideen) ist jeden Mittwoch auf Spielplätzen in Tarp unterwegs, um Kinder aus allen sozialen Schichten zu erreichen.

Dank Qualität vor Ort noch besser vernetzt

„Wir haben hier als Bildungscampus schon einige Jahre zusammengearbeitet, als wir von ,Qualität vor Ort‘ gehört haben“, sagt Judith Detlefsen. „Wir hatten zwar schon einige Projekte gut umgesetzt, aber irgendwie fehlte noch das Bauchgefühl, der echte Zusammenhalt im Netzwerk“, erzählt die Bildungskoordinatorin in ihrem Büro, das zentral auf dem Bildungscampus gelegen ist.

Judith Detlefsen war es auch, die die Bewerbung für „Qualität vor Ort“ an die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung schickte. Man erhoffte sich durch die Angebote des Programms mehr Verbindlichkeit im Netzwerk. DKJS-Mitarbeiterin Anna Dietrich erinnert sich an die Bewerbung aus Tarp: „Den Bildungscampus in Tarp kannten wir bereits und wussten, dass dort motivierte Menschen arbeiten, die das Beste für die Kinder im Ort erreichen wollen“, erklärt sie. Man habe sich deshalb nach ersten Gesprächen schnell entschlossen, die Kommune Tarp als Netzwerk für frühe Bildung im Programm aufzunehmen.

Wie funktioniert das Programm Qualität vor Ort?

Die Prozessbegleitung durch „Küstencoach“ Frank Ladwig ist Kernstück der Unterstützung, die ,Qualität vor Ort‘ dem Netzwerk bietet. Als Moderator ist Frank Ladwig in Tarp darauf bedacht, das Netzwerk zusammenzuhalten, Treffen effektiv zu gestalten und mit den Akteuren vor Ort die richtigen nächsten Schritte zu planen, mit denen die Qualität der frühen Bildung in Tarp noch besser werden kann. Ein weiterer Baustein des Unterstützungsangebotes des Programms sind Fortbildungen, die die Akteure des Netzwerks kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen.

Kitas lernen voneinander

„Ich finde den Austausch innerhalb des Bildungscampus und gerade zwischen den Leitungen der Kindergärten enorm wichtig“, sagt die Leiterin des dänischen Kindergartens „Dansk Børnehave“ in Tarp, Majbrit Herrguth. „Seitdem wir dabei professionell von ,Qualität vor Ort‘ unterstützt werden, bekommt dieser Austausch noch einmal eine ganz andere Qualität“, lautet ihre Einschätzung. Innerhalb des Bildungscampus kooperiert der dänische Kindergarten besonders stark mit der dänischen Grundschule im Ort und den zwei Tarper Kindergärten des Trägers ADS Grenzfriedensbund e. V., Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig. Einer dieser Kindergärten ist die Einrichtung an der Wanderuper Straße. Die Kooperationen innerhalb des Bildungscampus tragen bereits erste Früchte, erzählt die dortige Kita-Leiterin Claudia Wrobel. „Wir haben einfach mal dort am Morgenkreis teilgenommen, neue Lieder gelernt und Gesangbücher ausgetauscht“, erzählt sie von ihrem Besuch in der dänischen Kita, „dieser Austausch ist auch so toll, weil wir für wenig Budget ganz viel erreichen können. Es muss nicht immer alles was kosten.“ resümiert sie die Vorteile der Kooperation. Auch Julebaumfest, das dänische Äquivalent einer Weihnachtfeier mit Tannebaum, Kinderpunsch und Santa-Lucia Sängerinnen, wurde von den Kindergärten gemeinsam gefeiert.

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Der Besuch auf dem Bildungscampus zeigt: hier tut sich viel. „Momentan haben wir so viele Projekte, dass wir wirklich gut ausgelastet sind“, sagt Koordinatorin Judith Detlefsen. Nach ihrer Einschätzung gibt es aber noch Luft nach oben. Zum Beispiel brauchen die Schulklassen zurzeit für jeden Bücherei-Besuch noch eine einzelne Einverständniserklärung der Schulleitung – weil sie dafür das Schulgelände verlassen und ungefähr hundert Meter entlang einer Spielstraße zurücklegen müssen. „Diese Grenzen sollen weg“, sagt Detlefsen. Ihr Traum ist es, ein zusammenhängendes Gelände zu schaffen, ohne Grenzen zwischen den Bildungseinrichtungen. „Und ich glaube, langfristig wird das gelingen. Die Mitglieder des Bildungscampus sind zwar nicht immer alle einer Meinung, wir setzen uns aber regelmäßig an einen Tisch – einfach um das Beste für die Kinder herauszuholen.“ Und auch die Politik zieht bereits kräftig mit: Mittelfristig denkt man bereits über eine Erweiterung des Kulturhauses nach. Außerdem sind die Tagesmütter aus dem Ort noch nicht mit an Bord. In Zukunft wären sie sicher auch noch eine Bereicherung, um das Netzwerk für frühe Bildung im Ort zu komplettieren. „Wenn wir die Grenzen überwinden – auch in den Köpfen – können wir als Einheit funktionieren. Für den Nutzer ist es dann gleich, ob er das, was er sucht, in der Familienbildungsstätte, in der Volkshochschule oder in der Bücherei findet“, sagt Judith Detlefsen. „Vielleicht heißt es in Tarp irgendwann: ich gehe auf den Bildungscampus und hole mir, was ich brauche.“

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