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Bildung ist mehr als nur der Lehrplan

27.09.2017

Syriens Bildungssystem hat unter dem Krieg sehr gelitten: Schulen wurden zerstört, Lehrkräfte kamen ums Leben oder sind geflohen und Kinder sind schwer traumatisiert. Wie kann in dieser Extremsituation Bildung wieder gelingen? Und welchen Beitrag können die SOS-Kinderdörfer leisten?

Wer im syrischen SOS-Kinderdorf Qudsayya zu Gast ist, erlebt fröhliche und neugierige Kinder: Mädchen und Jungen scharen sich um den Besucher und fragen „What’s your name?“ oder „Where are you from?“. Es stellt sich allerdings heraus, dass das Gespräch auf Englisch rasch an seine Grenzen kommt. Woran mag das liegen?

Das Schulsystem Syriens hat unter den sechs Jahren Krieg sehr gelitten. Drei Faktoren spielen eine entscheidende Rolle: Schulen und Ausbildungsstätten sind beschädigt oder zerstört. Viele Lehrkräfte sind ums Leben gekommen. Noch mehr Lehrkräfte haben – wie Angehörige vieler anderer akademischer Berufe – das Land verlassen.

Aber auch die Kinder haben Vieles durchgemacht, was es schwer macht, wieder einem geregelten Tag zu folgen mit Schule, Hausaufgaben und anderen Aktivitäten. Ein Kind, das den Verlust von Angehörigen oder Freunden erleben musste und mit sich herumträgt, tut sich schwer, sich auf die Schule oder andere Dinge zu konzentrieren, die für uns selbstverständlich erscheinen. Viel ist die Rede von einer „entwurzelten Generation Syriens“.

Die Kinder im SOS-Übergangsheim Qura Al-Assad erhalten Förderunterricht in Kleingruppen, um den im Krieg verpassten Stoff nachzuholen.
Lehrerfortbildung im SOS-Übrgangsheim Qura Al-Assad
Freiwillige des „Roten Halbmond Syrien“ beim Ferienprogramm mit den Kindern vom SOS Kinderdorf Qudsayya

Ahmad Aladdin ist bei SOS Syrien für das Thema „Bildung“ zuständig, sein Titel ist „Education Officer“. Seine Biographie ist genau anders herum verlaufen als die vieler seiner Kollegen: Während andere aus Syrien weggegangen sind, ist er gekommen. Er war früher Lehrer an einer internationalen Schule in Dubai. Nun organisiert er bei SOS Syrien Nachhilfeunterricht, Lehrerfortbildungen, Sprechstunden für Eltern mit Lehrern an den Schulen und vieles mehr.

„Die Qualität der öffentlichen Schulen ist in den Jahren des Konflikts natürlich gesunken. Wir versuchen, das so gut es eben geht auszugleichen und dabei herauszufinden, welches Kind welche Förderung braucht, damit es aufholen kann.“

Ahmad Alladin

Education Officer der SOS-Kinderdörfer Syrien

Sein neuestes Projekt: eine „Nachhilfe-Werkstatt“ im SOS-Kinderdorf Qudsayya. Aber auch in den Übergangsheimen der SOS-Kinderdörfer, in denen Kinder aus Kriegsgebieten aufgenommen werden, bevor geklärt ist, wie es weiter gehen kann, sind Ahmad und sein Team aktiv: Junge Lehrerinnen und Lehrer lernen in Workshops, wie man vom Frontalunterricht weg kommt und auch verschlossene Kinder zum Mitmachen motiviert. Viele Kinder brauchen Unterstützung in kleinen Fördergruppen. Die Lehrer müssen dabei erst einmal lernen, mit den Kindern gut umzugehen, deren traumatische Vorgeschichte tiefe Spuren im Verhalten und im Fühlen eingegraben haben.

Die Schulzeugnisse in Syrien sind bunt. Um zu zeigen, wie stolz jedes Kind auf sich sein kann, hängen die Zeugnisse im SOS-Übergangsheim Qura Al-Assad an der Wand.

Aber auch in den Familienstärkungsprogrammen, bei der rund 380 Kinder und ihre Familien so unterstützt werden, dass die Familie zusammenbleiben kann, sind die SOS-Kinderdörfer aktiv: Sozialarbeiter und Psychologen sorgen dafür, dass die Kinder regelmäßig zur Schule gehen; dass Eltern und Lehrer miteinander sprechen, wenn es Probleme gibt; dass die Eltern auch unter der Last des Krieges ein besseres Gespür dafür bekommen, wie wichtig Schule und Ausbildung für die Kinder sind.

Die Kinder lernen bei den SOS-Kinderdörfern weitaus mehr als das, was auf dem Lehrplan steht:

Musikunterricht, gemeinsames Basteln oder Workshops, bei denen die Kinder lernen, mit sich selbst und mit anderen besser umzugehen. Wie kann ich in einer Gruppe meine Anliegen vorbringen und für meine Interessen eintreten? Fairness und Selbstbestimmung, Selbstbewusstsein aber Friedfertigkeit sind keine leichten Themen in einem jungen Leben, das voller Gewalterfahrung steckt. SOS Syrien arbeitet hier auch mit anderen Organisationen zusammen. Freiwillige vom syrischen „Roten Halbmond“ sind immer wieder zu Besuch bei den Kindern, um spielerisch solche Themen zu trainieren.

Auf die Frage, was eine gute Bildung denn ausmache, antwortet Ahmad: „Natürlich geht es um einen guten Abschluss von Schule und Ausbildung. Aber Bildung ist mehr: Wie können wir unseren Kindern nicht nur eine gute Gegenwart bieten, sondern sie auch auf ihre selbstständige Zukunft vorbereiten? Darauf suchen wir täglich Antworten.“

Mehr Informationen zum Engagement der SOS-Kinderdörfer in Syrien finden Sie hier: https://www.sos-kinderdoerfer.de/unsere-arbeit/hilfsprojekte/syrien-kinder-spenden

 

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