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Gastbeitrag: Ausbildung erster, zweiter und dritter Klasse

14.12.2017

Berufliche Bildung in Deutschland hat ein Imageproblem. Sie droht in zwei Richtungen zerrissen zu werden: Rampe in den Niedriglohnsektor einerseits und Sprungbrett zum Studium andererseits. Ulf Matysiak hat vier Ideen, um das zu verhindern.

Autor: Ulf Matysiak, Geschäftsführer Teach First Deutschland

Eine wichtige Unterscheidung vorweg: Es ist nicht richtig, generell von der schlechten Qualität der beruflichen Bildung zu sprechen. Das duale System ist international zu Recht sehr angesehen und konkurrenzfähig. Es ist insbesondere wichtig für den Mittelstand, die Industrie und den Automobilbau, also den Motor des Wohlstandes in Deutschland. Viele Betriebe werben einen Großteil ihrer Belegschaft aus dem dualen System an - und das mit hoher Qualität.

An diesem System zerrt es jedoch: Auf der einen Seite verlieren Ausbildungen zunehmend an Attraktivität für Schulabgänger mit gutem Abschluss – sie drängen in Richtung Studium oder nutzen die Ausbildung als Zwischenschritt auf dem Weg an die Uni. Auf der anderen Seite des Spektrums entwickeln sich ständig neue berufsbildende Formate, die diejenigen Jugendlichen auf die Berufstätigkeit vorbereiten sollen, die nicht die Abschlüsse und Qualifikationen mitbringen, die sie brauchen, um eine Ausbildung zu beginnen. Das berufsbildende System wird hier zunehmend mit kompensatorischen Aufgaben überwältigt.

Denn in zu vielen Fällen werden z.B. die sog. Berufsvorbereitungsjahre zu einer einjährigen Warteschleife für Jugendliche, die noch schulpflichtig sind. Die Hürden für eine Ausbildung für diese Jugendlichen sind oft groß: Lücken in den Fächern Deutsch und Mathematik sowie häufig im Spracherwerb sind in einem Jahr fast nicht aufzuholen. Die Jugendlichen wissen das und sind nach vielfachem Scheitern unmotiviert und frustriert. Das Ergebnis sieht man in den Statistiken dieser Schulen: Jugendliche haben nach dem Jahr meist keine zusätzlichen Kompetenzen oder qualifizierenden Abschlüsse erworben. Damit entlassen wir sie aus der Schule, ohne dass sie fit für unbefristete und gut bezahlte Arbeitsstellen sind, die ihnen erlauben, selbstbestimmt Teil der Gesellschaft zu sein. Der Weg über Berufsvorbereitungsklassen führt so in den Niedriglohnsektor und sorgt dafür, dass brüchige Erwerbsbiographien entstehen und junge Menschen häufiger in Hartz IV und Armut leben.

Ulf Matysiak
Ulf Matysiak

Hierzu zwei Ideen:

Langfristig können wir berufsbildende Schulen mit dieser Aufgabe nicht alleine lassen – die Haupt-, Real- und Gesamtschulen müssen sich so verändern, dass sie früher intervenieren und Jugendliche individueller unterstützen. Kurzfristig brauchen wir an den berufsbildenden Schulen Angebote, die gezielt darauf vorbereiten, eine Ausbildung doch noch aufzunehmen und abzuschließen. Zu viele Maßnahmen in diesem Bereich sind dafür konzipiert, Jugendliche aufzufangen, statt sie verbindlich zu befähigen, eine Ausbildung zu schaffen. Fachliche Maßnahmen reichen dabei nicht aus. Viele Jugendliche befinden sich in dieser Situation, weil sie sich zu lange alleine gelassen fühlen. Ein Weg, um diese Defizite aufzufangen, kann über kontinuierliche, persönliche Begleitung führen: Zusätzliche Kräfte, die mit Jugendlichen stärkenorientiert arbeiten, in kleineren Gruppen individuelle Lernbedarfe nachholen und bei der Berufsorientierung und Bewerbung helfen. Teach First Deutschland erprobt gerade in Schleswig-Holstein, ob dieser Ansatz an berufsbildenden Schulen Jugendlichen hilft – und welche Form der Unterstützung dabei am besten ist. Außerdem: Einjährige Maßnahmen scheinen ungeeignet, das Ziel der Ausbildungsreife anzusteuern. Vielleicht müssen wir Jugendlichen und Lehrkräften mehr Zeit geben, um Motivation zu fassen und aufzuholen.

Eine zweite Komponente, um die Segregierung im berufsbildenden System zu mindern, ist eine verstärkte Bildungswegeplanung. Neben der oben genannten Berufsorientierung und der Frage „was will ich?“ ist auch die Frage „wie komme ich dahin?“ essenziell. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Wegen, sich über mehrere Schritte zum Traumberuf zu qualifizieren. Aber welche Berechtigung mit welchem Schritt einhergeht, wissen wenige Jugendliche – und auch viele Lehrkräften haben hier keinen Überblick mehr. Häufig kommen Berufsberater zwar an die Schulen, aber das sind einmalige Veranstaltungen in einem langwierigen Prozess, bei dem die Jugendlichen eigentlich über Jahre begleitet werden müssen. Einen Teil dieser Reise könnte man technisch abbilden - etwa über eine App, in der Jugendliche für 2 Jahre Interessen sammeln, Vorschläge für Berufsbilder erhalten und die ihnen Wege zu diesen Berufen erklärt. Noch besser: Kann man so Kontakt herstellen zu anderen, die aus dem eigenen Viertel kommen, die gleiche Sprache sprechen oder bereits in dem Ausbildungsbetrieb sind, den Jugendliche gut finden? Das wäre zeitgemäßer als eine dicke Broschüre, die kein Jugendlicher liest. Orientierung funktioniert aber vor allem auch über Vertrauen und persönliche Beziehungen, deswegen kann keine App eine echte Ansprechperson ersetzen.

Zuletzt zwei Ideen zum anderen Ende des Ausbildungsspektrums, dem Drang zum Studium. Die steigende Tendenz an die Universität zu gehen, kommt nicht von ungefähr. Wer eine Universitätsausbildung hat, ist angesehener und verdient meist mehr. Diese beiden Punkte müssen adressiert werden.

Erstens brauchen wir ein Bekenntnis zur Wertigkeit der Ausbildung. Im Zuge der Internationalisierung muss Deutschland hier selbstbewusst auftreten. Wenn also die OECD fordert, die Akademikerquote zu steigern, muss man mit breiter Brust sagen, dass dies im internationalen Vergleich einfach Quatsch ist: Warum sollte es besser sein, Krankenschwestern oder Pfleger in Universitäten auszubilden? Für die Akademikerquote mag das besser sein, ob aber die Qualität besser ist, ist höchst fragwürdig. Wertschätzung gegenüber Berufsgruppen durch Akademisierung auszudrücken, verkennt die Stärken unserer Ausbildung und schließt mehr Menschen aus bestimmten Berufen aus, weil ein Studium unmöglich scheint.

Zweitens muss sich diese Wertschätzung auf dem Gehaltszettel zeigen. Aktuell entlohnen wir Akademiker besser und es gibt genug Gehaltsmodelle, etwa im TVÖD, in der Wertigkeit vom Abschluss abhängt. Es gibt aber Berufe, in denen keineswegs eindeutig ist, warum ein Akademiker besser qualifiziert ist als eine Fachkraft mit Ausbildung. Das stellt uns für die Zukunft vor große Herausforderungen: Wie wichtig ist uns denn die Arbeit, die Pfleger ausführen, wie wichtig ist es uns das Berufsbild von Erzieherinnen und Erziehern? Wenn wir dort in Zukunft Engpässe nicht verschärfen wollen, müssen wir die Wertigkeit durch ein höheres Gehalt ausdrücken.

Gelingt es uns nicht, diese Herausforderungen zu meistern, laufen wir Gefahr, Ausbildungssysteme erster, zweiter und dritter Klasse auszubilden: Die Universität als Maß aller Dinge, die duale Ausbildung als solide Alternative und das berufsbildende System ohne betriebliche Anbindung als Auffangbecken. Wir können es uns aber nicht erlauben, einen derart abgeschotteten Sektor zu erzeugen – aktuell erhöht durch mehr Flüchtlinge im System – der kaum Aufwärtsmobilität erlaubt. Damit berufliche Bildung weiterhin den Weg zu Aufstieg und Wohlstand bietet, brauchen wir jetzt entschlossene Entscheidungen.

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