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Frank Scheffka/DKJS

Interview: Jugendberufsagenturen schöpfen Kooperationsspielräume aus

18.07.2017

Ein Interview mit Prozessbegleiterin Dr. Ricarda Dethloff, die den Aufbau der JBA Kiel begleitet hat, und Peter Dohse, Koordinationsteam der Jugendberufsagentur Kiel der Landeshauptstadt.

 

Erstmals erschienen im Bildungslandschaftsmagazin bewegt! im Mai 2017. Das Interview führte Markus Lindner, Transferagenturen für Großstädte.

 

Was verspricht man sich von den Jugendberufsagenturen?

Peter Dohse:
Wir möchten jungen Menschen systematische und gesicherte Übergänge in die Arbeitswelt bieten. Im SGB II, SGB III und SGB VIII ist zwar das Gebot der Zusammenarbeit verankert. Aber es gibt unterschiedliche Zuständigkeiten für ein und denselben Jugendlichen. Hier wäre es sinnvoll, wenn er aus einer Hand bedient würde und es keine parallelen Strukturen gäbe, die der oder die Jugendliche nicht nachvollziehen kann. Diese Hürde soll genommen werden.

Ricarda Dethloff:
In diesem Sinne sollen Jugendberufsagenturen eine bessere strukturelle Verzahnung der einzelnen Akteure der Übergangsgestaltung sicherstellen. Die bisherigen Strukturen setzen auf Netzwerkarbeit. Wir merken aber, dass diese lose Form der Zusammenarbeit nicht ausreicht, um die Bedürfnisse junger Menschen in dieser Phase zu befriedigen.

In Gesetzbüchern ist also die Kooperation verankert, es mangelt aber an der praktischen Umsetzung?

Ricarda Dethloff:
Die drei Rechtskreise richten sich mit unterschiedlichen Zielsetzungen an verschiedene Zielgruppen in einer ähnlichen Altersspanne. Hieraus leiten sich z.T. divergierende Logiken und Zielsteuerungssysteme ab, die in der Praxis immer wieder Konflikte erzeugen. So ist das SGB III stark auf die Anschlusssicherung ausgelegt. Die Jugendhilfe hingegen schaut stärker auf den Entwicklungsprozess. Kooperation gelingt dort, wo sich einzelne Institutionen auf einen gemeinsamen Weg einlassen wollen und können. In der Praxis hakt es an beiden Punkten mal mehr und mal weniger. Denn es heißt auch, sich aus der eigenen Wohlfühlzone heraus zu begeben, alte Muster hinter sich zu lassen, neue Verfahren und Denkweisen zu erproben. Das ist eine enorme Anstrengung für die Beteiligten. Auch können die unterschiedlichen Sachzwänge ein Aufeinanderzugehen vor Ort behindern. Beispielhaft hierfür ist die starre Instrumenten-Struktur der Bundesagentur für Arbeit. Sie lässt nur wenig Spielraum, auf die individuellen Bedarfe der Jugendlichen einzugehen, was im Zweifelsfall ein Zusammenführen der jeweiligen Unterstützungsmöglichkeiten der Rechtskreise zu einer passgenauen Hilfe
behindert.

Peter Dohse:
Die Möglichkeiten, die die Sozialgesetze zur Kooperation anbieten, sind in der Gänze noch nicht genutzt worden. Die einzelnen Institutionen arbeiten professionell, aber das Konzept der JBA bietet mehr Möglichkeiten. Darüber hinaus wirken die Schulen und die Wirtschaft institutionenübergreifend mit einer JBA zusammen. In Kiel haben wir schon seit fast zehn Jahren eine gute Zusammenarbeit untereinander. Aber was bisher fehlt, ist die systematische Zusammenarbeit. Vieles war bisher nur dadurch schnell möglich, weil man sich untereinander kennt. Wenn dies nicht gegeben war, hat der/die Jugendliche die für ihn wichtige Maßnahme oder Unterstützung aus dem jeweils anderen Rechtskreis nicht bekommen.

Worin liegen die zentralen Herausforderungen bei der Implementierung der Jugendberufsagentur in Kiel?

Ricarda Dethloff:
Für mich liegt eine zentrale Herausforderung in der Entwicklung einer gemeinsamen Haltung. Die Struktur folgt insofern der Idee.

Peter Dohse:
Kiel ist bereits seit einem Jahr auf dem Weg, eine JBA zu gründen. Die Herausforderung dabei ist, alle wesentlichen Akteure in einem umfangreichen Beteiligungsverfahren mitzunehmen, damit junge Menschen im Übergang in den Beruf noch effizienter unterstützt
werden können. Es ist – wie Frau Dethloff bereits gesagt hat – schwer, alte Denkweisen gegenüber den neuen Herausforderungen zu überdenken und neue Wege zu beschreiten. Dieser partizipative Prozess ist die größte Herausforderung. Darüber hinaus ist es schwierig, ohne zusätzliche Ressourcen und mit sehr knappen Fördermitteln eine neue Institution auf den Weg zu bringen.

Wie sind Sie in Kiel mit diesen Herausforderungen umgegangen?

Ricarda Dethloff:
Ein gutes Beispiel ist der Beteiligungsprozess an sich. Drei der fünf Partner (die Landeshauptstadt Kiel, die Agentur für Arbeit und das Jobcenter Kiel) haben jeweils eine Person abgeordnet. Dieses Koordinationsteam hat den Aufbau der Jugendberufsagentur begleitet und damit begonnen, mit allen Beteiligten zu sprechen, um herauszufinden, wo der Schuh momentan drückt. Das Team wird von einem Lenkungskreis der fünf Gründungspartner der JBA (Schulamt, Regionale Bildungszentren, Agentur für Arbeit, Landeshauptstadt Kiel und Jobcenter Kiel) gesteuert. Beim Koordinationsteam laufen alle Stränge des Prozesses zusammen. Das hat sich in der Praxis als sehr hilfreich erwiesen. Förderlich ist dabei auch, dass die drei Personen ihre Kompetenz aus ihrem Rechtskreis in das Team einbringen und über sie die Rückkopplung in die einzelnen Häuser auf kurzem Wege gelingt. Nun arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst daran, Strukturen und Verfahrensweisen zu verändern. Das bringt alle schon jetzt ein Stück weiter zusammen.

Peter Dohse:
Wir sind z.B. an den Regionalen Berufsbildungszentren mit je einer Übergangsmanagerin vertreten und zu festen Zeiten präsent. Diese Kosten werden von der Stadt Kiel getragen. Die anderen Institutionen stellen zeitweise ihre Berufsberater oder Beratungslehrer zur Verfügung, so dass der gesamte Zeitraum abgedeckt ist. Zusätzliche Ressourcen werden nicht zur Verfügung gestellt.

Woran kann man den Erfolg der Jugendberufsagentur festmachen?

Ricarda Dethloff:
An der Tatsache, dass mehr Jugendliche ihren Übergang für sich erfolgreich meistern.

Peter Dohse:
Dies ist eine spannende Frage. Wir wollen zur Unterstützung der Nachhaltigkeit und Wirkungsorientierung der Kooperation gemeinsame Evaluations- und Qualitätsmechanismen entwickeln. Wir haben bereits ein gutes Instrument: Die Landeshauptstadt Kiel hat zwei Bildungsberichte herausgegeben. Hier kann man die Ergebnisse unserer eigenen Verbleibsanalyse des Übergangs von der Schule in den Beruf im Verlauf der Jahre gut erkennen und vor allem auch, dass wir uns durch präventive Arbeit noch erheblich steigern können. Eine jährliche Evaluation ist von allen Partnern vorgesehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen

Jugendberufsagentur Kiel: www.jba-kiel.de
 

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