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Weitersagen: Mit der Externenprüfung zum Berufsabschluss.

30.11.2017

Ohne abgeschlossene Berufsausbildung sieht die persönliche Arbeitsmarktsituation oft düster aus. Was kaum jemand weiß: In vielen Berufen kann man den Berufsabschluss relativ einfach nachholen, indem man sich für die sogenannte Externenprüfung anmeldet. Im Folgenden erklären wir, was es damit auf sich hat.

Knapp 2 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 20 und 34 Jahren verfügen über keinen anerkannten Berufsabschluss – mit teilweise dramatischen Folgen für die Betroffenen. Fast jede/jeder Fünfte ohne abgeschlossene Berufsausbildung ist arbeitslos gemeldet. Und bei bestehender Erwerbstätigkeit müssen sich die Betroffenen vielfach als prekär beschäftigte An- und Ungelernte durchschlagen bzw. sind ständig akut von Arbeitslosigkeit bedroht.

Dabei hätte ein Großteil der An- und Ungelernten durchaus die Möglichkeit, relativ einfach einen Berufsabschluss nachzuholen. Denn die sogenannte „Externenregelung“ macht es für zahlreiche Berufe möglich, auch ohne vorherige Ausbildung an der Abschlussprüfung vor der Industrie- und Handelskammer bzw. der Handwerkskammer teilzunehmen.

Die Externenprüfung: Suche Abschluss. Biete Erfahrung.

Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) und die Handwerksordnung (HwO) erlauben nämlich in bestimmten Fällen, die fehlende Berufsausbildung durch mehrjährige Berufspraxis zu ersetzen. Wenn die betreffenden Personen also nachweisen können, dass sie über entsprechende Berufserfahrung bzw. Fachkenntnisse verfügen, können sie an der beruflichen Abschlussprüfung teilnehmen und so einen anerkannten Berufsabschluss erwerben.

Da diese Prüfungsteilnehmer/innen vorher keine klassische duale Berufsausbildung durchlaufen haben, nehmen sie als „Externe“ an derselben Abschlussprüfung teil, die auch Auszubildende des jeweiligen Berufs abzulegen haben. Entsprechend hat diese „Externenprüfung“ auch genau die gleiche Wirkung auf dem Arbeitsmarkt: Der mit ihr erworbene Abschluss ist in jeder Beziehung absolut gleich- und vollwertig.

Die im Folgenden vorgestellten Regelungen des Berufsbildungsgesetzes bzw. der Handwerksordnung gelten bundesweit einheitlich, allerdings nur für solche Berufe, deren Abschlussprüfung vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) bzw. der Handwerkskammer (HWK) abgelegt wird. Auf andere Berufsfelder, z. B. Erziehung oder Pflege, sind diese Regeln über die Externenprüfung nicht ohne Weiteres anwendbar. Die Berufsausbildung in diesen Bereichen ist Angelegenheit der Bundesländer, eine bundesweit einheitliche gesetzliche Regelung entsprechend BBiG oder HwO existiert hier nicht!

Zulassungsvoraussetzungen: So geht’s zur Prüfung.

Jetzt wird es leider ein bisschen technisch. Rechtliche Grundlage für die Externenprüfung sind die §§ 45 Abs. 2 BBiG bzw. 37 Abs. 2 HwO. Schauen wir uns zunächst kurz den Gesetzeswortlaut an!

Satz 1 und 2 des oben genannten Absatzes lauten wie folgt:

Zur Abschlussprüfung ist auch zuzulassen, wer nachweist, dass er mindestens das Eineinhalbfache der Zeit, die als Ausbildungszeit vorgeschrieben ist, in dem Beruf tätig gewesen ist, in dem die Prüfung abgelegt werden soll. Als Zeiten der Berufstätigkeit gelten auch Ausbildungszeiten in einem anderen, einschlägigen Ausbildungsberuf.

Danach besteht also ein Zulassungsanspruch bei vorliegender Mindestzeit an Berufspraxis:

Wer das 1½-fache der Ausbildungszeit eines bestimmten Berufes an einschlägiger Berufserfahrung nachweisen kann (also 3 Jahre Berufserfahrung bei vorgeschriebener zweijähriger Ausbildungszeit bzw. 4½ Jahre Berufserfahrung bei vorgeschriebener dreijähriger Ausbildungszeit) hat einen Anspruch auf Zulassung zur Abschlussprüfung.

Dabei ist zu beachten, dass sich die genannten Zeiträume auf eine Berufstätigkeit in Vollzeit beziehen. Sofern die Berufspraxis also ganz oder teilweise im Rahmen einer Teilzeittätigkeit erworben wurde, verlängern sich die erforderlichen berufspraktischen Zeiten entsprechend.

Der Nachweis der entsprechenden Berufserfahrung kann z. B. durch Arbeits- oder Praktikumszeugnisse erbracht werden, sofern diese Angaben über die jeweiligen berufstypischen Tätigkeiten und Aufgaben enthalten. Ausländische Bildungsabschlüsse sowie Zeiten der Berufstätigkeit im Ausland müssen nach Prüfung der Unterlagen ebenfalls berücksichtigt werden.

Was aber, wenn die hier geforderte Berufspraxis nicht vorliegt? In diesen Fällen gibt es in der gesetzlichen Regelung noch einen Satz 3, der vielleicht weiterhilft:

Vom Nachweis der Mindestzeit nach Satz 1 kann ganz oder teilweise abgesehen werden, wenn durch Vorlage von Zeugnissen oder auf andere Weise glaubhaft gemacht wird, dass der Bewerber die berufliche Handlungsfähigkeit erworben hat, die die Zulassung zur Prüfung rechtfertigt.

Diese Regelung räumt also eine zusätzliche Zulassungsmöglichkeit bei qualifiziertem Kenntnisnachweis ein:

Auch wenn die oben genannten Zeiträume der Berufserfahrung nicht vorliegen, kann unter Umständen dennoch eine Zulassung zur Externenprüfung erfolgen. Nämlich dann, wenn Fertigkeiten und Kenntnisse des gesamten Berufsbildes nachgewiesen werden können, die es wahrscheinlich machen, dass die Prüfung bestanden wird. Dies ist in der Regel dann der Fall, wenn der Prüfling den Kenntnis- und Fertigkeitenstand einer/eines Auszubildenden im letzten Lehrjahr hat.

Der Nachweis entsprechender Kenntnisse kann z. B. durch Bescheinigungen über erfolgreich abgeschlossene Seminare und Lehrgänge oder – etwa nach einem Ausbildungs- oder Studienabbruch – über absolvierte Ausbildungsbausteine erbracht werden.

In diesem Fall besteht allerdings kein Rechtsanspruch auf Zulassung zur Externenprüfung, sondern nur ein Anspruch auf eine fehlerfreie Ermessensentscheidung der zulassenden Stelle.

Zulassung zur Externenprüfung

Die Prüfung bestehen: Gute Vorbereitung ist alles.

Bei Vorliegen der oben genannten Voraussetzungen kann theoretisch eine Anmeldung zur Abschlussprüfung ohne weitere Vorbereitung erfolgen. Ratsam ist dies indes regelmäßig nicht, da vor allem für den schriftlichen Teil der Prüfung meist umfangreiche theoretische Kenntnisse benötigt werden, die sich nicht ohne weiteres allein durch die berufliche Praxis erschließen.

Hilfreich für eine erste Selbsteinschätzung zu den vorhandenen bzw. noch fehlenden Fachkenntnissen sind die Ausbildungsordnung und der Rahmenlehrplan des betreffenden Berufes, die sämtliche Inhalte der Ausbildung und damit auch alle theoretisch möglichen Prüfungsthemen beinhalten. Eine umfangreiche Datenbank mit Detailinformationen zu praktisch
allen relevanten Ausbildungs- und Weiterbildungsberufen findet sich z. B. auf den Internetseiten des Bundesinstituts für Berufsbildung: https://www.bibb.de/berufe. Diverse Verlage bieten zudem auch Prüfungsaufgaben an, die in vorangegangenen bundesweiten Abschlussprüfungen gestellt wurden und die ein gutes Gefühl für die Prüfungsanforderungen vermitteln.

Ausgehend von dieser Selbsteinschätzung erfolgt anschließend entweder eine eigenständige Vorbereitung auf die Prüfung im Selbststudium oder eine umfangreiche Prüfungsvorbereitung bei regionalen Bildungsträgern, die vielfach spezielle Vorbereitungskurse auf die Externenprüfung anbieten.

Und so geht’s weiter.

Erste Ansprechpartner für alle Fragen zur Externenprüfung sind die zuständigen Kammern, also die örtlichen Industrie- und Handelskammern bzw. Handwerkskammern. Diese beraten interessierte Personen gern und prüfen, ob eine Teilnahme an der Externenprüfung in Frage kommt. Für eine zielführende Beratung und zur Einschätzung der vorhandenen Berufserfahrung sollten Ratsuchende unbedingt ihren Lebenslauf und möglichst alle Zeugnisse mitbringen.

Und wer weiß: Vielleicht ist der Berufsabschluss näher, als man denkt?

 

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