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Demokratiebildung in der „Generation Internet“

14.12.2018

Der 8. Dezember ist der Tag der Bildung, mit dem der Stifterverband, die SOS-Kinderdörfer weltweit und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) auf die aktuellen und zukunftsweisenden Themen im Bildungsbereich aufmerksam machen.

Die DKJS-Programme OPENION – Bildung für eine starke Demokratie, bildung.digital und Technovation nutzten diesen Anlass, um die Themen Digitalisierung und Demokratiebildung, deren Herausforderungen häufig getrennt voneinander betrachtet werden, obwohl sich die Anforderungen in der Praxis ähneln, in den Fokus zu stellen. Am Abend des 6. Dezembers wurde gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Praxis, Politik, Verwaltung und Partnerorganisationen in Berlin darüber diskutiert, wie die fortschreitende Digitalisierung die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen verändert und welche demokratischen Handlungskompetenzen sie benötigen, um mit Unsicherheiten im digitalen Zeitalter umzugehen.

Das Märchen vom Digital Native

Niemand wird als Demokratin oder Demokrat geboren, Kinder und Jugendliche müssen demokratische Handlungskompetenzen erlernen. Auch die vermeintlichen „Digital Natives“ sind nicht automatisch mit den Kompetenzen und dem Wissen über den sicheren Umgang im Internet ausgestattet, nur weil sie im Zeitalter der Digitalisierung geboren wurden. Dies muss erlernt werden, erst dann kann man die Chancen der Digitalisierung wahrnehmen und die Teilhabe und Partizipation an gesellschaftlichen, demokratischen Entwicklungen erleben. Meike Otternberg vom Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) stellte zu Beginn der Veranstaltung in ihrer Keynote „Euphorie war gestern – ist Vertrauen im Internet noch möglich?“ die Ergebnisse der aktuellen Studie zur Nutzung und Einstellung von 14- bis 24-Jährigen zum Internet vor. Diese zeigt, dass Jugendliche unter 25 Jahren heute zwar täglich online sind und die digitale Welt fester Bestandteil ihrer Lebenswirklichkeit ist, die Unsicherheiten und negativen Einstellungen zur Nutzung des Internets jedoch zunehmen. Die Nutzerinnen und Nutzer sehen das Internet zwar als große Vereinfachung des Alltags an und können sich eine Lebenswirklichkeit ohne kaum vorstellen, auch die Zukunft sehen sie durch die Digitalisierung bestimmt. Hier stoßen sie jedoch auch an die Grenzen ihrer Zuversicht und Kompetenzen. Dem Gefühl der Vereinfachung steht die Sorge gegenüber, immer und bei allem auf das Internet angewiesen zu sein, ohne zu wissen, wie man sich sicher und kompetent verhalten kann. Dass digitale Teilhabe soziale Teilhabe bedeutet, ist für diese Generation kein Versprechen, sondern längst Realität – und das nicht nur im Positiven. Der ständige Druck online präsent zu sein, in Echtzeit reagieren zu müssen und sich der digitalen Welt nicht entziehen zu können, führe zu einer „diffusen Analogsucht“, so Otternberg.  Der Blick auf die sogenannten „Digital Natives “ und die Vermittlung von erforderlichen Handlungskompetenzen muss also neu ausgerichtet werden.

Digitale Kompetenz ist keine Wischkompetenz

Sicherheit und Vertrauen bilden die Steuerungselemente für einen kompetenten Umgang mit und in der digitalen Welt. Das Erstellen einer Instagram Story und Nutzen verschiedener Apps stellt für die Studienteilnehmenden keine Schwierigkeit dar – aber der Großteil empfindet dies auch nicht als Kompetenz. Die Studienteilnehmenden gaben an, dass sie sich den Herausforderungen der digitalen Zukunft nicht gewachsen fühlen und wünschen sich eine bessere Vorbereitung. Neben dem Thema der Datensicherheit beschäftigten sich viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Fragen zu Fake-News, Fake-Profilen und anderen betrügerischen Inhalten. Sie fühlen sich unsicher, weil sie nicht wissen, wie sie echte und falsche Informationen auseinanderhalten können. Aus Angst vor öffentlichen Beleidigungen und Beschimpfungen äußern sogar 38% der Befragten ihre Meinung im Netz nicht mehr. So werden sie zu passiven Beobachtern, statt Gestaltern eines Diskurses und ihrer eigenen Lebenswelt. „Es darf uns nicht egal sein, wenn junge Menschen in einem für sie enorm wichtigen Medium davor zurückschrecken, ihre Meinung zu äußern“ appelliert Meike Otternberg.

DKJS/Jörg Farys
DKJS/Jörg Farys
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DKJS/Jörg Farys
DKJS/Jörg Farys
DKJS/Jörg Farys

Wie können junge Menschen befähigt werden, eine digitalisierte und demokratische Gesellschaft mitzugestalten?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der anschließenden Gesprächsrunde. Moderiert von NDR-Journalistin Julia Niharika Sen tauschten sich Helmut Holter (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Thüringen), Petra Caspers-Naujoks (Schulleiterin der Mittelpunktschule Hartenrod in Hessen), Meike Otternberg (Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet) und Dr. Heike Kahl (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung) über Anforderungen der Demokratiebildung und Digitalisierung aus. „Schulen müssen Lern- und Lebensort für Demokratie sein. Wir müssen sie dabei unterstützen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Die Stärkung der digitalen Ausstattung und Kompetenz ist eine davon“, so Holter, Vorsitzender der Kultusministerkonferenz. Von der Schule fühlen sich momentan 69 % der 14- bis 24-Jährigen nicht ausreichend auf die digitale Zukunft vorbereitet. Lernen finde überwiegend noch offline statt und digitale Bildung wird in der Wahrnehmung von Jugendlichen vor allem mit Informatikunterricht und PowerPoint-Kenntnissen gleichgesetzt. Ein Problem, das mit dem KMK-Beschluss „Strategie zur Bildung in der digitalen Welt“ angegangen werden soll. „Die Politik braucht Druck“ kommentiert Holter den zuvor an diesem Tag gestoppten Digitalpakt.

Auf die baldige Umsetzung und damit finanzielle Unterstützung für ihre Schule hofft auch Schulleiterin Petra Caspers-Naujoks. Die Mittelpunktschule Hartenrod nimmt bereits als eine von 40 Schulen am Programm bildung.digital teil, das Schulen dabei unterstützt, eigene Konzepte der digitalen Bildung zu entwickeln und zu verankern. Gemeinsam mit OPENION setzt die Grund-, Haupt- und Realschule mit Förderstufe außerdem ein Demokratieförderungsprojekt um. Für den Auf- und Ausbau eines Kinder- und Jugendparlaments mit der Stadt spielt auch die Vermittlung digitaler Kompetenzen eine wichtige Rolle, eine methodisch zeitgemäße Demokratiebildung ist sonst nicht möglich. „Jugendliche beantworten mit digitalen Ansätzen ihre Fragen des Lebens“ so Caspers-Naujoks.

Das trifft auch auf die Schülerinnen der Ida Ehre Schule Hamburg zu, die an diesem Abend angereist waren. Sie nehmen am Programm Technovation teil, das bereits über 19.000 Mädchen dabei unterstützt, Ideen zu entwickeln, digitale Kompetenzen auszubauen und mit Hilfe von selbstentwickelten Apps, soziale und ökologische Herausforderungen ihrer Lebenswelt zu lösen. Die Hamburger Schülerinnen entwickelten eine App, mit der man unkompliziert Mitfahrgelegenheiten zu kulturellen Events wie z.B. einem Justin Bieber-Konzert anbieten und finden kann. Was Sie aus diesem Projekt mitgenommen haben? Der Spaß an dieser Arbeit und die Erfahrung, dass sie verstehen, welches technische Know-how dahintersteckt, gibt den Schülerinnen ein gutes Gefühl und etwas mehr Sicherheit für die digitale Zukunft.

Kinder und Jugendliche müssen erleben, was und wie sie selbst gestalten können. Und das geht nicht durch Appelle, sondern nur durch nützliche und zeitgemäße Methoden und den Raum für Handlungsmöglichkeiten, darin war man sich an diesem Abend einig. „Junge Menschen müssen wieder eine Machermentalität entwickeln“, so Otternberg. „Wir müssen sie befähigen, wieder Gestalter ihrer Zukunft zu sein, und nicht Getriebene.“

Herausforderungen annehmen, Mitbestimmung aushalten

Wie lassen sich Demokratiebildung und Digitalisierung in der Praxis erfolgreich verbinden und welche Schritte müssen getan werden? Potential sahen die Anwesenden bei der Entwicklung der Schulkultur. Schulen müssen sich zu einem demokratisch(er)en Ort entwickelt werden, an dem Kinder und Jugendliche mehr Beteiligung erfahren. „Keine Scheinbeteiligung“ forderte Dr. Heike Kahl. Es hilft nicht, Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass sie entscheiden können, sondern sie müssen wirklich entscheiden dürfen – „und zwar mehr als die Farbe der Toilettentüren“. Ein höherer Grad an Mitbestimmung stellt auch neue Herausforderungen an die Schulen und ihre Mitarbeitenden, sie müssen gemeinschaftlich Bereitschaft zeigen, neue Wege zu gehen und sich selbst stärker der Digitalisierung öffnen. „Schließlich müssen wir die Kinder nicht auf unsere Vergangenheit, sondern auf ihre Zukunft vorbereiten“ so Caspers-Naujoks. Wechselseitiges Lernen und Kooperationen mit außerschulischen Partnern können dabei gute Unterstützung leisten und gemeinsam einen Pool an multiprofessionellem Wissen in diesen Bereichen aufbauen. Letztlich können jedoch auch die „Digital Immigrants“ etwas Wichtiges vermitteln, das sich zumindest die Teilnehmenden der DIVSI-Studie wünschten: Die Kompetenz auch mal digital abschalten zu können.

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