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Integrierte strategische Planung für gleiche Bildungschancen in Kommunen

16.11.2018

Bildungsgerechtigkeit – haben wir doch in Deutschland! Oder? Eine aktuelle Studie von UNICEF belegt leider das Gegenteil. Was das für Kommunen bedeutet, die gleiche Bildungschancen für ihre Einwohnerinnen und Einwohner schaffen möchten, erfahren Sie im Folgenden.

Was ist eigentlich gerecht? Dieser Frage geht aktuell noch bis zum 17. November eine ganze Themenwoche der ARD nach. Anlass genug, im Lichte des Tages der Bildung die Frage der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland aufzuwerfen. Haben wirklich alle Menschen in Deutschland die gleiche Chance, Bildung zu erlangen und am Bildungssystem teilzunehmen – ungeachtet ihrer ethnischen oder sozialen Herkunft, ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit oder ihrer religiösen oder politischen Anschauung?

Der erste Impuls mag dahin gehen, diese Frage mit einem beherzten „Natürlich!“ zu beantworten. Bei näherer Betrachtung aber erweist sich Bildungsgerechtigkeit in Deutschland schon seit vielen Jahren als Illusion. Immer wieder belegen internationale Studien eine erhebliche Bildungsbenachteiligung aufgrund des sozialen Status und auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung muss konstatieren, dass in Deutschland die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom sozio-ökonomischen Hintergrund des Elternhauses immer noch höher ist als in vielen anderen Ländern.

Bildungsungleichheiten in der frühkindlichen Förderung, in der Grundschule und in der Sekundarstufe

Ganz aktuell bestätigt eine Studie des Innocenti-Forschungsinstituts der UNICEF diesen Befund erneut eindrucksvoll:  Im Rahmen der Studie „Ein unfairer Start ins Leben“ wurden in 41 Ländern der Europäischen Union (EU) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Bildungsungleichheiten in der frühkindlichen Förderung, in der Grundschule und in der Sekundarstufe untersucht. Im Mittelpunkt stand die Frage, in welchem Maße in den jeweiligen Ländern Faktoren wie der Berufsstand der Eltern, der Migrationshintergrund, das Geschlecht sowie die unterschiedlichen Schulformen diese Ungleichheiten beeinflussen. Das traurige Ergebnis: Deutschland erreicht im Vergleich mit den anderen untersuchten Staaten mit Platz 23 nur einen Rang im unteren Mittelfeld. Bei der Diskrepanz in der Lesekompetenz zwischen den leistungsstärksten und leistungsschwächsten Kindern im Alter von zehn Jahren liegt Deutschland sogar nur im unteren Drittel der internationalen Rangliste. Insgesamt erreichen 19 Prozent der zehnjährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland nicht das Grundkompetenzniveau für ihre Altersstufe. Und etwa 16 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Alter von fünfzehn Jahren erreichen in Deutschland kein Niveau an Lesekompetenz, das als Grundvoraussetzung gilt, damit sie effektiv und produktiv am Leben in der Gesellschaft teilhaben können.

Ein Armutszeugnis für das deutsche Bildungssystem. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch diese Studie zeigt unter anderem wieder eine direkte Korrelation zwischen dem Bildungsstand und der ökonomischen Situation der Eltern und dem Bildungserfolg ihrer Kinder. Ein Teufelskreis, denn vom Bildungserfolg der Kinder hängen wiederum deren Berufschancen und damit ihr Einkommensniveau ab: Armut wird so unter Umständen von einer Generation an die nächste weitergegeben und damit perpetuiert.

Erfolgreiche Bildungsplanung nur zusammen mit armutspräventiven Ansätzen

Wer an der Stellschraube „Bildung“ in der Gesellschaft drehen und Chancengerechtigkeit schaffen will, kommt also nicht umhin, die Schnittmengen zu anderen gesellschaftlichen Faktoren zu berücksichtigen: Wenn Bildung in solchem Maß vom sozio-ökonomischen Status abhängt, kann erfolgreiche Bildungsplanung eigentlich nur zusammen mit armutspräventiven Ansätzen gelingen. Und die Erosion traditioneller Sozialisations- und Integrationsmechanismen, wie Familie und Nachbarschaft, führt dazu, dass sich die vorhandenen Bildungsinstitutionen zu zentralen Lern- und Integrationsorten weiterentwickeln müssen: Bildungsplanung kann daher auch Aspekte der Sozial- und Jugendhilfeplanung nicht ignorieren.

Kurz: Es braucht eine integrierte strategische Planung vor allem in Landkreisen und kreisfreien Städten („Kommunen“), die (neben dem Bund und den Ländern) als Trägerinnen von Kindergärten, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen in erheblichen Maße für das Bildungsangebot vor Ort verantwortlich sind und z.B. durch Museen und Theater auch umfassende lebensortnahe kulturelle und non-formale Bildungserfahrungen vermitteln.

Fachübergreifender Ansatz der kommunalen Bildungsplanung, der Schulentwicklungs- und der Jugendhilfeplanung

Ziel muss ein fachübergreifender Ansatz der kommunalen Bildungsplanung, der Schulentwicklungs- und der Jugendhilfeplanung sein, der kommunale Schul- und Jugend- und Sozialverwaltung in einem gemeinsamen Amt oder Fachbereich zusammenführt. Die vorhandene soziale Infrastruktur, Lebenslagen und Sozialstrukturdaten der in der Kommune müssen möglichst kleinräumig analysiert und beschrieben werden, um Handlungsbedarfe und daraus resultierende Maßnahmen abzuleiten. So entstehen neue Chancen zur Vernetzung und zum Austausch der kommunalen (verwaltungsinternen und -externen) Akteure und zum Aufbau effektiver Versorgungsstrukturen.

Aufgrund der jeweils hoch individuellen Voraussetzungen in den Kommunen kann hier nicht allgemeingültig beantwortet werden, wie eine solche integrierte Sozialplanung am besten aufgebaut und umgesetzt werden kann. Wenn Sie also in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt tätig sind und sich für die Einführung einer integrierten strategischen Planung interessieren, wenden Sie sich am besten an die für Ihre Kommune zuständige Transferagentur: Dort finden Sie Ansprechpersonen, die Kommunen im Rahmen der „Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement“ bei der Einführung eines kommunalen Bildungsmanagements beraten und begleiten – völlig kostenlos.

Und vielleicht sieht die nächste Studie zur Bildungsgerechtigkeit in Deutschland dann schon ein bisschen besser aus.

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