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„Schulen und außerschulische Partner müssen noch enger zusammenarbeiten“

Dr. Elke Völmicke ist Geschäftsführerin von Bildung & Begabung, dem Talentförderzentrum des Bundes und der Länder. Zugleich ist sie für das Aktionsfeld Bildung des Stifterverbands verantwortlich. Warum chancengerechte Bildung nur durch die Anstrengung aller Akteure im Bildungssystem gelingen kann, erklärt sie im folgenden Interview.

Frau Völmicke, laut unserer Umfrage zweifeln mehr als die Hälfte der befragten 14- bis 21-Jährigen daran, dass alle Kinder in Deutschland die gleichen Chancen auf eine gute Bildung haben. Sollte uns das nicht zu denken geben?

Dieser Befund ist in der Tat ernst zu nehmen. Der Eindruck, dass Bildungschancen in Deutschland ungleich verteilt sind, wird auch durch andere Erhebungen gestützt – denken Sie beispielsweise an die PISA-Studie, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Diese zeigt unter anderem, dass gute Leistungen in der Schule sehr stark davon abhängen, aus welchem Elternhaus ein Kind kommt und ob die Eltern in Deutschland geboren wurden oder nicht. Gleichzeitig sollten wir nicht in einen Panikmodus verfallen: Wir haben in hierzulande ein großes und vielschichtiges Bildungsangebot.

Welche Maßnahmen sind notwendig, um Bildung gerechter zu machen?

Das ist eine große Herausforderung. Unser Bildungssystem ist an und für sich schon durchlässig – aber wir müssen die Jugendlichen auch befähigen, diese Durchlässigkeit zu nutzen. Hier müssen Schulen und außerschulische Partner noch enger zusammenarbeiten. Wir sehen an unseren Programmen wie der VorbilderAkademie für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, dass es etwas bringt, jungen Menschen Orientierung zu geben, ihnen Wege aufzuzeigen.

Schwerpunkt der Befragung war das Thema digitale Bildung. 76 Prozent der befragten Jugendlichen verstehen unter Lehren und Lernen mit digitalen Medien auch mit digitalen Informationen kompetent umzugehen. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Das Ergebnis ist erfreulich, denn es zeigt: Für Jugendliche heißt digitale Bildung nicht einfach nur, dass alle Klassen jetzt schnell mit Tablets ausgestattet werden müssen und dann wird alles gut. Viele junge Menschen haben offenbar ein Verständnis dafür, dass es wichtig ist, kritisch-analytisch mit Informationen umzugehen. Was nicht sein darf ist, dass mangelnde oder schlechte Technik und Ausstattung die bestehenden Herausforderungen verschärfen. Zentrales Ziel muss es sein, Kinder und Jugendliche besser auf ein Leben in der digitalen Welt vorzubereiten.

Wie kann das genau gelingen?

Zum Beispiel, indem man die Lehrerinnen und Lehrer als Schlüssel zur individuellen Förderung begreift. In der Umfrage gaben nur 32 Prozent der Jugendlichen an, dass ihre Lehrer gut oder sogar sehr gut mit digitalen Lehr- und Lernmethoden vertraut sind. Lehrkräfte müssen also dringend diejenigen Kompetenzen erwerben, die sie für den Unterricht in der digitalen Welt benötigen. Das sehen übrigens die Lehrer selbst auch so: So haben in der kürzlich veröffentlichten ICILS-Studie, die die Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern untersucht, nur ein  Viertel der Lehrinnen und Lehrer in Deutschland angegeben, dass sie wissen, wie man digitale Medien im Unterricht einsetzt.

Es ist bemerkenswert, dass die große Mehrheit der Jugendlichen sowohl von den Lehrern als auch von den Eltern mehr und bessere Unterstützung erwarten, diesen Erwartungen aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ausreichend entsprochen wird.

Ist es nicht auch die Aufgabe der Eltern, die Kinder auf die Herausforderungen der digitalen Welt vorzubereiten?

Es ist bemerkenswert, dass die große Mehrheit der Jugendlichen sowohl von den Lehrern als auch von den Eltern mehr und bessere Unterstützung erwarten, diesen Erwartungen aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ausreichend entsprochen wird. Interessanterweise haben in unserer Umfrage nur 29 Prozent der Befragten angegeben, dass ihre Eltern sie bei der kompetenten Nutzung digitaler Medien sehr unterstützen. Hier sehe ich Gefahrenpotenzial, dass das Problem der Chancenungerechtigkeit noch verschärfen könnte.

Nur 21 Prozent der Befragten gaben an, zum Lernen Fachbücher und Lexika zu nutzen. 42 Prozent lernen lieber mithilfe von Youtube-Tutorials. Was bedeutet das für die Zukunft der Bildung?

Dieses Ergebnis sollte uns zu denken geben. Sehr viele Jugendliche nutzen YouTube-Videos ganz selbstverständlich als Hilfsmittel für ihre Lern- und Bildungsprozesse. Es gibt sicher Youtube-Kanäle, die spannend gemacht sind und auch unter didaktischen Gesichtspunkten hervorragend sind. Aber: Wir müssen den Jugendlichen ebenso vermitteln, dass sich wissenschaftliche Arbeiten nicht darauf beschränkt, einen Begriff in eine Suchmaschine einzugeben und dann die Ergebnisse unreflektiert zu kopieren. Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet auch, ein Thema eigenständig zu durchdenken, Fachliteratur zu lesen, sich intensiv mit verschiedenen Positionen auseinanderzusetzen. Hier müssen alle, die sich mit Bildung beschäftigen, die Jugendlichen besser vorbereiten. 

Bildung & Begabung / Nina Senger-Mertens
Dr. Elke Völmicke ist Geschäftsführerin von Bildung & Begabung, dem Talentförderzentrum des Bundes und der Länder